Vorsicht Geschichte!
11. Juli 2008Bei den Kollegen wird auf den Einbürgerungstest (PDF) verwiesen, den ausländische Mitmenschen bei ihrer Einbürgerung erfolgreich besten müssen.
Wir können uns gerne stundenlang darüber echauffieren, a) wie dümmlich die Fragen sind, b) wie lasch die Anforderungen sind (17 von 33 richtigen Antworten), c) dass damit sicherlich kein arithmetischer Wille zur Integration zu ermitteln ist. Aber andere Verfahren scheinen den Behörden wohl zu aufwendig. Naja.
Ich würde aber gerne einen Punkt bei diesem Test herausgreifen. Natürlich werden auch historische Fragen gestellt (so ab Seite 78 wird es interessant), die weitestgehend so dümmlich sind, dass deutsche Sextaner (zumindest in Bayern) sie problemlos beantworten könnten.
Schwierig wird es aber dort, wo Geschichte teilweise interpretiert wird. Beispiel?
Aufgabe 181 (Seite 94)
Was wollte Willy Brandt mit seinem Kniefall 1970 im ehemaligen jüdischen Ghetto in Warschau ausdrücken?
[ ] Er hat sich den ehemaligen Alliierten unterworfen.
[ ] Er bat Polen und die polnischen Juden um Vergebung.
[ ] Er zeigte seinen Demut vor dem Warschauer Pakt.
[ ] Er sprach ein Gebet am Grab des unbekannten Soldaten.
Die richtige Anwort ist natürlich der zweite Punkt, man könnte aber bekritteln, dass auch c) keineswegs völlig abwegig ist. Auf einer abstrakteren Ebene ist es sogar richtig. Die sozialdemokratische Entspannungspolitik, das Hofieren kommunistischer Regimes (immer noch aktuelles Beispiel ist Frank-Walter Steinmeier, der Regierungsexperte für chinesische - und natürlich auch russische - Energie- und Wirtschaftsinteressen) hat in der Geschichte nirgendwo hingeführt. Die DDR ist in erster Linie durch den wirtschaftlichen Druck, in zweiter Linie durch die Politisierung der eigenen Bevölkerung im Wechselspiel mit dem Druck der Regierung von Dr. Kohl zusammengebrochen. Wären 1989 die Sozis an der Regierung gesessen, hätten sie den maroden Kommunisten bedingungslos weitere Milliarden in den Hintern geschoben und würden heute noch mit Honecker, Krenz und Konsorten über Kooperationsabkommen konferieren.
Das wirft am Rande wieder einmal die Frage auf, wer denn in Deutschland bitteschön die Deutungshoheit über Geschichte hat. Oder, um es politisch korrekter auszudrücken: wessen Geschichtsbild in Deutschland denn eher wahrgenommen wird. Keine lebenswichtige Frage, aber ein grundlegender Aspekt der politischen Kultur. Die Christdemokraten und Christsozialen sollten hier nicht schlafen.
Nur mal so am Rande bemerkt.